Das Frauenstift

Der Essener Dom, die Kathedralkirche des 1958 errichteten Ruhrbistums Essen, blickt auf eine mehr als 1150-jährige Geschichte zurück. Am Beginn stand um 850 die Gründung einer religiösen Frauengemeinschaft, die im frühen und hohen Mittelalter zu den herausragenden religiösen Institutionen des Deutschen Reiches gehörte. Das Stift Essen, um das sich die Stadt Essen bildete, war seit dem 13. Jahrhundert ein Reichsfürstentum, das bis zur Säkularisation selbstständig blieb. Äbtissinnen und Stiftsfrauen beauftragten und stifteten den Ausbau der Münsterkirche und Kunstwerke zu ihrer Ausstattung. Der Schatz des Frauenstiftes gehört wie die Kirche selbst zu den wichtigsten Hinterlassenschaften des Stifts, die Mehrzahl der Kunstwerke befindet sich heute in der Domschatzkammer.

Gründung und erste Blüte

Um 850 gründete der Hildesheimer Bischof Altfrid mit einer Gruppe von Adligen nur wenige Kilometer nördlich des Männerklosters Werden ein Stift  für Mädchen und Frauen. Ihre Hauptaufgabe war die memoria, das Gebet für die Seelen der Verstorbenen und um die Gnade und Unterstützung Gottes für die Lebenden. Altfrid wurde auf eigenen Wunsch nach seinem Tod 874 in der Essener Stiftskirche bestattet. Über Generationen hinweg beteten hier die Stiftsfrauen für seine Seele.
Die Frauengemeinschaft wurde seit Mitte des 10. Jahrhunderts vom ottonischen Kaiserhaus mit Privilegien und Grundbesitz reich beschenkt. Bedingt durch enge verwandtschaftliche Beziehungen der Äbtissinnen zum Herrschergeschlecht erlebte das Essener Stift bis in die Mitte des 11. Jahrhunderts eine Blütezeit. Vor allem die Äbtissinnen Mathilde (amt. 971/73–1011), Sophia (amt. 1012–1039) und Theophanu (amt. 1039–1058) – Nichten und Enkelinnen der Kaiser Otto I. und Otto II. – gaben großartige Bauwerke und kostbare Kunstwerke in Auftrag, die bis heute zum Schatz der Kirche gehören.

Leben im Stift

Die Stiftsfrauen führten kein abgeschlossenes klösterliches Leben. Wer ins Stift aufgenommen wurde, legte kein Gelübde ab, sondern entschied sich für eine Gemeinschaft, die sich zu einem religiösen Lebenswandel verpflichtet hatte. Hauptaufgaben waren das tägliche gemeinsame Chorgebet und die regelmäßigen Gebete für die Verstorbenen. Die Frauen konnten das Stift jederzeit wieder verlassen, um zu ihrer Familie zurückzukehren oder zu heiraten.

Grund- und Landesherrschaft

Zu den Besitzungen des Frauenstiftes gehörten zahlreiche Höfe in der Umgebung, aber auch das Gebiet um Huckarde an der Grenze zur Grafschaft Dortmund, das vom Essener Territorium durch die Grafschaft Mark getrennt war. Dem Stift abgabenpflichtig waren rund 3.000 Bauernhöfe in der Umgebung, im Vest Recklinghausen, am Hellweg, um Breisig am Rhein und bei Godesberg. Im 11. Jahrhundert wurde von der Essener Äbtissin das Frauenstift Stoppenberg im Norden des Territoriums gegründet. Im Süden entstand das Frauenstift Rellinghausen. Die Kirchen beider Gemeinschaften stehen heute noch in den gleichnamigen Stadtteilen von Essen.
Die religiöse Frauengemeinschaft war auch die Keimzelle der heutigen Stadt Essen. Um das Stift herum bildete sich eine Siedlung, die im 13. Jahrhundert Stadtrechte erlangte. 1244 wurde die erste Mauer der Stadt erbaut. Im selben Jahrhundert stiegen die Äbtissinnen des Essener Frauenstiftes zu Reichsfürstinnen auf. Sie waren damit zugleich Landesherrinnen über das Reichsfürstentum Essen und hatten einen Sitz im Reichstag. Das Stift Essen beherrschte ein etwa 120 Quadratkilometer großes Gebiet zwischen den Flüssen Emscher und Ruhr. Die Herrschaftsgewalt der Essener Äbtissin war der Gewalt männlicher Fürsten vergleichbar und damit für Frauen selten und ungewöhnlich. Die Bedeutung des Stiftes zeigt sich auch darin, dass in Essen eigene Münzen geprägt wurden. Seit etwa 1300 hielten sich die Reichsfürstinnen häufig in ihrer Residenz, im Schloss Borbeck, auf.
Zwischen 1646 und 1803 herrschten die Essener Äbtissinnen gleichzeitig über das Frauenstift Thorn in der Nähe von Roermond, wo sie sich häufig aufhielten.
1563 schloss sich die Stadt Essen der Reformation an und wurde protestantisch, das „Fürstliche Stift Essen“ hingegen blieb katholisch. Als Landesherrin blieb die Äbtissin allerdings oberste Herrin der Stadt.
Äbtissin Franziska-Christine von Pfalz-Sulzbach (reg. 1726–1776) ließ in Steele ein Waisenhaus errichten, das ihr auch als Residenz diente und das umfangreiche fürstliche Archiv beherbergte.

Säkularisation und Moderne

Im Zuge der Säkularisation wurde das Stift Essen aufgelöst. Im August 1802 besetzten preußische Truppen das geistliche Territorium. Am 18. April 1803 wurde das Frauenstift aufgelöst. Von 1806/1807 bis 1813 gehörte das Gebiet zum (französischen) Großherzogtum Berg und danach wieder zu Preußen. Die letzte Äbtissin, Maria Kunigunde von Sachsen (amt. 1776–1802), starb am 8. April 1826 in Dresden.
Die Münsterkirche St. Cosmas und Damian wurde zusammen mit der Anbetungskirche der Pfarre St. Johann übergeben. Sie war nun die Hauptpfarrkirche der im Zuge der Industrialisierung rasch zur Großstadt anwachsenden Stadt Essen. Die Stiftsgebäude wurden nach und nach abgerissen. Die Pfarrkirche wurde 1958 zur Dom- bzw. Kathedralkirche des Ruhrbistums erhoben.
Vom mittelalterlichen Erbe Essens blieben im Herzen der Stadt bis heute die Domkirche St. Cosmas und Damian, die Anbetungskirche St. Johann sowie der Kreuzgang erhalten. Wichtigste Hinterlassenschaft der Frauengemeinschaft ist der über Jahrhunderte gewachsene, bedeutende Stiftsschatz mit seinen Kunstwerken.


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